Definition

Die Saldenmechanik ist ein von [[Stützel]] entwickelter methodischer Rahmen zur Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge. Ihr Kern ist die strikte Unterscheidung zwischen:

  • Gesamtaussagen: Was für alle Akteure einer Volkswirtschaft zusammen gilt – als buchhalterische Identität, zwingend und immer wahr.
  • Partialaussagen: Was für einen einzelnen Akteur oder eine Teilgruppe gilt – als Verhaltensaussage, empirisch und unter Umständen widerlegbar.

Der methodische Wert liegt in der Trennschärfe: Viele wirtschaftspolitische Irrtümer entstehen dadurch, dass Partialaussagen unzulässig zu Gesamtaussagen verallgemeinert werden (→ Aggregationsparadoxon).


Zentrale Identitäten

Die bekannteste saldenmechanische Identität: In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist das Netto-Geldvermögen aller Akteure zusammen immer gleich null. Jeder Forderung steht eine gleichhohe Schuld gegenüber. Was ein Sektor spart, muss ein anderer entsparen.

Daraus folgt die Sektorensaldenmechanik: Die Finanzierungssalden aller Sektoren (private Haushalte, Unternehmen, Staat, Ausland) summieren sich zu null. Verbessert ein Sektor seinen Saldo, verschlechtert sich zwingend mindestens ein anderer.

In einer offenen Volkswirtschaft kann das Netto-Geldvermögen positiv sein – aber nur in Höhe des kumulierten Leistungsbilanzüberschusses gegenüber dem Ausland, das die spiegelbildlichen Schulden hält.


Abgrenzung

Die Saldenmechanik ist kein Verhaltensmodell und macht keine Aussagen darüber, warum Akteure so handeln, wie sie handeln, oder was sie tun sollten. Sie ist die Grammatik der Makroökonomie: Sie schließt logisch unmögliche Aussagen aus, lässt aber viele verschiedene Theorien zu, solange diese ihre Identitäten respektieren.

Verhältnis zu verwandten Konzepten:

KonzeptArtVerhältnis zur Saldenmechanik
AggregationsparadoxonVerhaltensaussageWird durch Saldenmechanik beweisbar
[[Unternehmergewinngleichung]]Spezifische IdentitätIst eine Ableitung der Saldenmechanik
Stock-Flow Consistent ModelsFormales ModellMathematische Umsetzung der Saldenmechanik

Intellektuelle Linie

Lautenbach arbeitete saldenmechanisch, ohne den Begriff zu verwenden. [[Stützel]] formalisierte und benannte den Ansatz. In der deutschen Tradition stehen [[Flassbeck]] und Teile der gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschung. International ist der nächste Verwandte Wynne Godleys Rahmen der Stock-Flow Consistent Models (SFC), der dieselben buchhalterischen Identitäten mathematisch konsequent umsetzt.


Quellen

  • Stützel, W. (1958/1978): Volkswirtschaftliche Saldenmechanik – Ein Beitrag zur Geldtheorie. 2. Aufl., J.C.B. Mohr, Tübingen.
  • Godley, W. / Lavoie, M. (2007): Monetary Economics – An Integrated Approach to Credit, Money, Income, Production and Wealth. Palgrave Macmillan.
  • Flassbeck, H. (2000): Gesamtwirtschaftliche Paradoxa und moderne Wirtschaftspolitik. Sammelband zum 75. Geburtstag von Wolfgang Stützel.