Das Konzept des allgemeinen Gleichgewichts geht auf den Schweizer Ökonomen Léon Walras (1834–1910) zurück, der es in seinem Hauptwerk Éléments d’économie politique pure (1874) erstmals mathematisch formulierte. Es beschreibt einen Zustand einer Volkswirtschaft, in dem auf allen Märkten simultan Angebot und Nachfrage übereinstimmen.
Formale Struktur
Eine Ökonomie besteht aus Gütern, Haushalten und Firmen. Jeder Haushalt maximiert seine Nutzenfunktion unter einer Budgetrestriktion:
Jede Firma maximiert ihren Gewinn:
Die Überschussnachfragefunktion für Gut ist definiert als:
wobei die aggregierten Anfangsausstattungen bezeichnet. Ein Walrasianisches Gleichgewicht ist ein Preisvektor , sodass:
Walras-Gesetz
Eine fundamentale Identität der Theorie lautet:
Das heißt: Der Wert der aggregierten Überschussnachfrage ist bei jedem Preisvektor identisch null. Daraus folgt, dass bei Märkten das Gleichgewicht auf Märkten das Gleichgewicht auf dem -ten impliziert.
Existenz des Gleichgewichts
Arrow und Debreu (1954) sowie McKenzie (1954) bewiesen unabhängig voneinander die Existenz eines allgemeinen Gleichgewichts unter folgenden Bedingungen:
- Vollständige Märkte
- Konvexe Präferenzen und Produktionsmengen
- Keine Externalitäten oder öffentliche Güter
- Vollständige Information
Der Beweis verwendet den Fixpunktsatz von Kakutani: Die Preisanpassungsabbildung besitzt unter diesen Bedingungen einen Fixpunkt .
Wohlfahrtstheoretische Bedeutung
Das Walrasianische Gleichgewicht ist eng mit dem Begriff der Pareto-Effizienz verknüpft:
Erster Hauptsatz der Wohlfahrtstheorie: Jedes Walrasianische Gleichgewicht ist Pareto-effizient.
Zweiter Hauptsatz der Wohlfahrtstheorie: Jede Pareto-effiziente Allokation kann durch geeignete Umverteilung der Anfangsausstattungen als Walrasianisches Gleichgewicht dezentralisiert werden.
Diese Sätze bilden die mathematische Grundlage für das Konzept der „unsichtbaren Hand” (Smith, 1776).
Grenzen und offene Fragen
Die Theorie beantwortet die Frage der Existenz, lässt aber zentrale Fragen offen:
- Eindeutigkeit: Unter welchen Bedingungen ist eindeutig?
- Stabilität: Konvergiert ein dynamischer Anpassungsprozess gegen ?
- Aggregation: Überträgt sich die individuelle Rationalität auf das Marktverhalten?
Diese Fragen führten direkt zu den Ergebnissen von Sonnenschein, Mantel und Debreu.
Quellen
- Walras, L. (1874). Éléments d’économie politique pure. Corbaz, Lausanne.
- Arrow, K. J. & Debreu, G. (1954). Existence of an Equilibrium for a Competitive Economy. Econometrica, 22(3), 265–290.
- McKenzie, L. W. (1954). On Equilibrium in Graham’s Model of World Trade. Econometrica, 22(2), 147–161.
- Debreu, G. (1959). Theory of Value. Yale University Press.
- Mas-Colell, A., Whinston, M. D. & Green, J. R. (1995). Microeconomic Theory. Oxford University Press. Kap. 17.