Tâtonnement (französisch für „Tasten” oder „Suchen”) ist in der Wirtschaftstheorie ein iterativer Auktionsprozess, der von Léon Walras eingeführt wurde, um zu beschreiben, wie Gleichgewichtspreise in einem Wettbewerbssystem erreicht werden. Dabei gibt ein fiktiver Walras’scher Auktionator Preise aus, während Angebot und Nachfrage ermittelt werden, ohne dass tatsächlich gehandelt wird, bis ein Preis gefunden ist, bei dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen.
Der Prozess basiert auf folgenden Kernmerkmalen:
- Kein Handel im Ungleichgewicht: Solange kein Gleichgewicht erzielt wurde, finden keine tatsächlichen Transaktionen statt; der Auktionator passt die Preise nur an, bis sich die Märkte räumen.
- Preisanpassung: Bei Überschussnachfrage erhöht der Auktionator die Preise, bei Überangebot senkt er sie, um sich schrittweise dem Gleichgewicht anzunähern.
- Allgemeines Gleichgewicht: Das Verfahren zielt darauf ab, gleichzeitig das Gleichgewicht auf allen Märkten einer Volkswirtschaft zu finden.
Obwohl das Tâtonnement ein zentrales Konzept der allgemeinen Gleichgewichtstheorie ist, wurde in den 1970er Jahren durch den Sonnenschein-Mantel-Debreu-Satz gezeigt, dass dieser Prozess nicht zwangsläufig zu einem einzigartigen und stabilen Gleichgewicht führt, selbst bei rationalen Akteuren. Zudem wird in der modernen Literatur oft zwischen Tâtonnement (kein Handel vor Gleichgewicht) und Nontâtonnement (Handel zu falschen Preisen) unterschieden, wobei letzteres realitätsnäher erscheint, da echte Märkte selten auf einen idealen Gleichgewichtspreis warten.