Quelle
| Format | Veröffentlichung | Link |
|---|---|---|
| Buch | 2020 | https://www.luebbe.de/quadriga/buecher/gesellschaft/fake-facts/id_7746038 |
Wahrgenommen von Heinrichsgeist: 2021. Zitate auf dieser Seite beziehen sich auf diese Quelle, sofern nicht anders gekennzeichnet (Zitationszweck: Anschauliche Hervorhebung ausgewählter Passagen).
Interessant
Kapitel 1
Definition Verschwörungserzählung
Eine Verschwörungserzählung ist eine Annahme darüber, dass als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und damit der Bevölkerung gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen.
Erklärung, was für Verschwörungserzählungen anfällig macht: Kontrollverlust
Mitglieder aus dem rechtsextremen Reichsbürgerspektrum berichten beispielsweise immer wieder, dass einschneidende Lebensereignisse, in denen sie einen Kontrollverlust verspürt hätten, Auslöser dafür gewesen seien, sich mit Verschwörungserzählungen zu befassen.24 Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Mensch, der den Arbeitsplatz verliert oder von seinem Partner verlassen wird, automatisch glaubt, dass Deutschland insgeheim eine Firma sei, die von dunklen Mächten gelenkt werde, wie es Reichsbürger tun. Erfahrungsberichte wie diese machen jedoch deutlich, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen dem Einzelnen durchaus Rückhalt nach Rückschlägen geben kann, weil derartige Geschichten eine wahrgenommene Ordnung in eine vermeintlich chaotische Welt bringen.
Weitere Erklärung dafür, warum Menschen Verschwörungserzählungen anhängen: Mittel zum Zweck
Dadurch, dass ein Mensch an etwas glaubt, das gängigen Erklärungsmustern widerspricht, kann er auch sein Bedürfnis danach befriedigen, sich einzigartig zu fühlen und sich von der Masse abzuheben.
Das sind die Hauptgründe. Zusätzlich kann Verschwörungsglaube bei gelangweilten Menschen etwas Farbe in den tristen Alltag bringen. Es gibt auch leichte Indizien, dass narzisstisch veranlagte Menschen auch etwas anfälliger sind.
Kapitel 2: Faktencheck: Der Glaube an Verschwörungserzählungen
Verschwörungsglaube hat nichts mit Dummheit, Verrücktheit und Paranoia zu tun.
Das Internet ermöglicht schnellere Verbreitung und abgeschottete Communitys, aber auch größere Reichweite für Debunking. Verschwörungserzählungen waren grundsätzlich schon vor dem Internetzeitalter verbreitet.
Verschwörungserzählungen sind nicht harmlos:
Wissenschaftliche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die individuelle Tendenz, an Verschwörungserzählungen zu glauben, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einhergeht, Gewalt zu befürworten oder sogar selbst gewalttätig zu werden. Man kann sie deshalb auch als Radikalisierungsbeschleuniger bezeichnen.17 Verschwörungserzählungen können dazu dienen, Gewalt gegen andere zu legitimieren, und sie schirmen gleichzeitig die eigene Gruppe vor Kritik ab. Wer davon überzeugt ist, dass die Regierung wirklich so weit geht, die Bevölkerung durch ein geheimes Komplott in Gefahr zu bringen, der sieht es auch eher als gerechtfertigt an, Gewalt gegen den Staat und seine Repräsentanten anzuwenden. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass beinahe alle terroristischen oder extremistischen Gruppierungen Verschwörungserzählungen nutzen, um ihre Mitglieder zu mobilisieren.
Es gibt echte Verschwörungen und ein gesundes Misstrauen gegen Machtstrukturen ist wichtig, darauf basiert beispielsweise Gewaltenteilung als demokratisches Prinzip. Ungesund wird es dann, wenn ein Welterklärungssystem entsteht, dessen Annahmen nicht mehr hinterfragt werden und rationale Argumente nicht mehr durchdringen.
Kapitel 3: »Haben die alle den Verstand verloren?« – Warum Verschwörungsgläubige uns ähnlicher sind, als wir denken
Der Zustand, wenn Anspruch und Wirklichkeit im Widerspruch zueinander stehen, wird in der Psychologie als kognitive Dissonanz bezeichnet. Dissonanz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Missklang oder Unstimmigkeit, »kognitiv« bezieht sich auf unsere Denkprozesse und die Informationsverarbeitung. Kognitive Dissonanz meint also so etwas wie »widersprüchliche Empfindungen«. Wenn Menschen merken, dass sie sich in solch einer Situation befinden, führt das zu Stress und Unbehagen.
Der Sozialpsychologe Leon Festinger untersuchte kognitive Dissonanzen, er schleuste Beobachter in eine UFO-Sekte ein, die sich im Dezember 1954 in einem Chicagoer Vorort versammelte, um - wie prophezeit - von einem UFO rechtzeitig vor dem Weltuntergang abgeholt zu werden. Die Prophezeiungen erfüllten sich nicht. Einige Anhänger wandten sich ab, ein harter Kern blieb der falschen Prophetin treu.
Was fördert Immunisierung gegen Fakten?
- starke Einbindung in Gruppe Gleichgesinnter, schwache soziale Bindung außerhalb
- wenn der Glaube tief verankert ist, wenn er “gelebt” wird, wenn er ein Kernelement der eigenen Identität darstellt
- wenn man bereits viel in den Glauben investiert hat
- wenn eine Abkehr vom Glauben unerträgliche Konsequenzen hätte
- wenn Eingeständnis des Scheiterns das Selbstwertgefühl beschädigen würde
- wenn man es als erhebend empfindet, als Erleuchteter den Durchblick zu haben
- wenn der Glaube an etwas Großes hilft, die eigenen Probleme als erträglich klein zu empfinden und wegzuschieben
- wenn der Glaube Orientierung und Halt gibt
- wenn man dadurch einem klaren Feindbild die Schuld für Missstände zuweisen kann, was einen selbst entlastet, bspw. von Wut
Botschaft: Das ist alles zutiefst menschlich! Kein Mensch handelt vollständig rational.
Aber gibt Persönlichkeitsmerkmale als verstärkende Faktoren:
- Unsicherheitstoleranz: Menschen, die Struktur (klare Antworten auf Fragen) gegenüber Doppeldeutigkeit bevorzugen, haben eine ausgeprägtere Verschwörungsmentalität
- Erkenntnisbedürfnis: Kognitive Vermeider sind anfälliger - sie hinterfragen weniger, geben sich mit einfachen Antworten zufrieden, gehen weniger konstruktiv mit Kritik um.
Der Versuch, mit vielen Fakten zu überzeugen funktioniert oft nicht: Der Confirmation Bias (Bestätigungsfehler) stuft Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen als glaubwürdiger ein.
Der Optimismus Bias besteht in der systematischen Unterschätzung des eigenen Risikos im Vergleich zu anderen (z.b. “Ja, Klimawandel ist schlimm, aber mir wird nicht viel passieren”).
Wir denken nicht nur manchmal verzerrt, sondern fast immer – verzerrtes Denken ist der Standardmodus unserer Informationsverarbeitung! Es lohnt sich, diese zentrale Erkenntnis niemals aus den Augen zu verlieren – insbesondere im Umgang mit Verschwörungsgläubigen aus dem eigenen Umfeld.
Kapitel 11
Querfront-Strategie
