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Heiner Flassbeck

Grundlagen einer relevanten Ökonomik - 3

Kapitel 3 Wirtschaftliche Entwicklung in Zeit und Raum

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Kapitel 3 Wirtschaftliche Entwicklung in Zeit und Raum

3.1 Die intertemporale Entwicklung

Wirtschaftliche Dynamik ist kein Effekt, bei dem sich ein exogen gestörter Systemzustand in ein ökonomisches Gleichgewicht zurückbewegt. Dynamik ist ein kontinuierlicher Prozess, der auch endogen angestoßen werden kann (Profitstreben). Das kann sich selbstverstärkend oder -abschwächend verlaufen, stabil oder instabil. Stabile Preise können Stabilität der Prozesse fördern.

3.1.1 Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

Sehr lesenswerter Abschnitt - könnte in Gänze zitiert werden. Unvollständige Zusammenfassung:

Die kreditfinanzierte Investition für Innovation ist der endogene Impuls, der Dynamik erzeugt. Unternehmen können bei erfolgreicher Investitionen ein temporäres Monopol (absoluter Vorteil) erlangen und ihren Markt aufmischen. Dies bringt dem Unternehmen Erlöse, die zur Kredittilgung und sogar extra Gewinnen reichen und die Konkurrenz unter Zugzwang setzt, die dann ebenfalls investiert, um mindestens nachzuziehen. (Das alles geht über Nettoinvestition Null hinaus, bei der ledigich Verschleiß ausgeglichen würde). Der Prozess ermöglicht Strukturwandel und führt zu mehr allgemeinem Wohlstand durch höhere Kaufkraft (Verhältnis Löhne/Preise). Wichtig für diesen Prozess ist, dass die Lohnkosten kalkulierbar und für alle Unternehmen gleich sind.

3.1.2 Schumpeters Zinstheorie

Lohn, Gewinn und Zins können nur insgesamt steigen, wenn die Volkswirtschaft produktiv ist und sich ständig erneuert. Niemand erhält einen Zins auf sein eingesetztes Kapital, wenn dieses Kapital nicht in einen Prozess eingebunden ist, an dessen Ende erfolgreicher Wandel im Sinne erfolgreicher Rationalisierungen und damit erfolgreicher Produktivitätssteigerungen steht. Schumpeters Zinstheorie liegt vollkommen richtig und die herrschende neoklassische Lehre hat nichts dagegen zu setzen.

Bei Schumpeter ist es der Banker, der die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt, weil er, jenseits dessen, was gespart wird, Geld aus dem Nichts schafft und so erst den Weg frei macht, den der Pionier gehen will. Das gilt immer noch. Aber in der heutigen Form der Geldwirtschaft sind es die Notenbanken, die mit ihrer Zinssetzung und ihrer absoluten Dominanz am Geldmarkt den Gang der Entwicklung maßgeblich beeinflussen, und weniger der privatwirtschaftlich agierende Banker.

Daraus ergibt sich, wie wir in Kapitel 5 zeigen werden, dass der von der Geldpolitik gesetzte Zins unterhalb der zu erzielenden Produktivität liegen muss, um einen dynamischen Prozess in Gang zu setzen oder in Gang zu halten.

3.2 Die internationale Entwicklung
3.2.1 Der internationale Handel und die Existenz absoluter Vorteile

Länder mit sehr unterschiedlichem Lohnniveau können miteinander Handel treiben, da die Produktpreise von Kapitalkosten und Lohnstückkosten abhängen, nicht aber vom absoluten Lohnniveau. Bei hoher Produktivität gibt es einen großen Kapitalstock und höhe Löhne - das alles hat eine Entwicklungsgeschichte. Hochlohnländer haben einen spezialisierten Kapitalstock.

Sobald man also, anders als die meisten ökonomischen Lehrbücher, nicht nur von zwei Handelsgütern auf dem Weltmarkt ausgeht, sondern realistischerweise eine riesige Produktpalette in Betracht zieht, verliert die Vorstellung vom knallharten internationalen Verdrängungswettbewerb, in dem die reichen Nationen unweigerlich verlieren, jede Plausibilität.

Die kapitalintensive Produktionsweise ist langfristig überlegen.

3.2.2 Absolute Vorteile durch Kapitalwanderung

Entwicklungsländer müssen nicht alle Innovationsprozesse wiederholen und können aufholen:

Japan und die Republik Korea stehen beispielhaft für den Fall, wo mit Hilfe des Staates und hohen Handelshürden gegenüber den Industrieländern westliche Technologie importiert und erfolgreich von heimischen Unternehmen eingesetzt wurde, die Volksrepublik China hingegen für den Fall, wo sich das Aufholen fast ausschließlich auf den Import von westlicher Technologie durch westliche Unternehmen stützte, die von China aus exportierten.

Direktinvestitionen in China: Westliche Unternehmen kombinierten ihre effizienten Produktionsverfahren mit den dort niedrigen Löhnen (das Konzept der Grenzproduktivität versagt hier) und erzielten dadurch eine große Monopolrente, die im Laufe der Zeit durch steigende chinesische Löhne immer kleiner wurde.

Durch Direktinvestitionen bekommen Firmen Kostenvorteile in ihrem Hochlohnland und Produktivitätsvorteile im Niedriglohnland.

3.3 Sparen und Investieren
3.3.1 Warum ist in der Entwicklung S niemals gleich I?

Die Formel $$S=I$$, Sparen gleich Investieren ist irreführend:

Das Verfahren, eine hochkomplexe Wirtschaft auf die Größe eines einzelnen »repräsentativen« Haushalts zu reduzieren, dient nicht der Reduktion von Komplexität, sondern bedeutet eine dramatische Verfälschung der Verhältnisse, denen sich die Wirtschaftssubjekte in einer realen Wirtschaft gegenübersehen.

Entscheidend ist hier das Informationsproblem. Die Neoklassik hat es von vorneherein durch die Annahme vollständiger Information aller Wirtschaftssubjekte wegdefiniert. Doch die Wirklichkeit kann man nicht wegdefinieren.

Wenn gespart wird, dann kommt es zu Einnahmenausfällen und damit Investitionskürzungen bei den Unternehmen. Laut Flassbeck führen dann Ausgleichsprozesse mit unerwartetem Einkommensrückgang zu $$S=I$$.

Wer könnte die Sparlücke füllen und damit die Rezession verhindern?

Die neoklassische Theorie hat alle diese Fragen nicht gestellt, sondern auf »bewährte« Art und Weise einen Markt konstruiert, der das Problem lösen sollte. Da es aus ihrer Sicht auf der einen Seite ein Angebot an Kapital in Form von Ersparnissen gibt, und auf der anderen Seite eine Nachfrage nach Kapital in Form der Kreditnachfrage der Unternehmen und potenziellen Investoren, ist es für diese Theorie ohne weitere empirische oder logische Überprüfung klar, dass es einen Preis – den Zins – geben muss, der friktionsfrei (also bei unverändertem Einkommen) Angebot und Nachfrage zum Ausgleich bringt.

Dabei handelt es sich aber um ein rein normatives, für eine Wissenschaft nicht angemessenes Vorgehen. Weil man einen Marktmechanismus für die normale Lösung hält, unterstellt man, dass er existiert. Sobald man jedoch die restriktiven Annahmen der traditionellen Theorie aufhebt und sich damit einem Abbild der Realität nähert, ist diese Argumentation unhaltbar. Selbst wenn man für einen Moment von der Rolle der Notenbank bei der Festsetzung des Zinses absieht, gibt es das steigende Kapitalangebot infolge der vermehrten Ersparnis (den 10 Milliarden Euro in unserem Beispiel) einfach nicht.

Der Begriff Sparen führt in die Irre:

Besser ist es daher, generell von einem Ausgabendefizit oder einem Einnahmenüberschuss zu sprechen, wenn man das »Sparen« meint. Umgekehrt müsste von einem Einnahmendefizit und einem Ausgabenüberschuss die Rede sein

Die Ausgabenüberschüsse können für Investitionen verwendet werden, selbstverständlich ist das aber nicht.

3.3.2 Sparen und Investieren in der offenen Volkswirtschaft

Was passiert: Wenn im Land A mehr produziert als konsumiert wird, und der Produktionsüberschuss in Land B exportiert und dort verkauft wird, dann

  • hat Land A einen Leistungsbilanzüberschuss, sowie Land B ein Leistungsbilanzdefizit
  • ist Land A Sparer (wegen Konsumverzicht) während Land B Schuldner ist (Bezahlung Importe, mehr Konsum als Produktion)
  • aus Sicht der Unternehmen im Land B ist die Nachfrage und Kapitalstock verringert gegenüber ausgeglichener Leistungsbilanz - und vice versa

Hier modellhaft an zwei Ländern A und B veranschaulicht. Das Prinzip lässt sich einfach auf Vielländerkonstellationen übertragen.

Was nicht passiert: Es wird kein

  • Kapital übertragen
  • überschüssiges Sparen von Land A in Investieren im Land B verwandelt (Vorstellung einer »vorbestimmten Menge an Investitionen«)

Das geht vollkommen an der Sache vorbei und es ist nicht zu verstehen, dass die Ökonomik selbst hundert Jahre nach der Entdeckung der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge mit solchen Bildern herumdilettiert.

Laut Flassbeck handelt es sich um Unverständnis der Zusammenhänge und Fehlinterpretation der $$S=I$$ Formel in Kombination mit logischen Fehlern (aus buchhalterischen Identitäten kausale Zusammenhänge machen). Flassbeck gibt Beispiele vom IWF, der Bundesbank, Paul Krugman und dem Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen.

Der gesamte Kern der keynesianischen Revolution in der ökonomischen Theorie ist hier ignoriert worden.

3.3.3 Ausgeben und Einnehmen in einem konsistenten empirischen Rahmen

Box 5: Begriff Finanzierungssaldo der Gesamtwirtschaft = Leistungsbilanzsaldo (darin Außenbeitrag, plus Erwerbs- und Vermögenseinkommen, plus Transferbilanz) plus Saldo der Bilanz der Vermögensübertragungen zwischen In- und Ausland.

In diesem Kapitel erklärt Flassbeck mit Grafiken der Sektoralen Finanzierungssalden verschiedener Staaten über viele Jahrzehnte das “Big Picture” ihrer wirtschaftlichen Entwicklung - im Einklang mit seinen zuvor dargestellten ökonomischen Zusammenhängen. Beispiel Spanien (1995 bis 2023):

Das Land wies vor der Finanzkrise hohe Leistungsbilanzdefizite auf, die sich inzwischen in Überschüsse verwandelt haben, weil in der Krise die Importe stark zurückgegangen sind (Abbildung 3.3). In und nach der Finanzkrise hat sich allerdings das Unternehmensverhalten drastisch geändert. In Spanien übertreffen inzwischen die Unternehmen die Haushalte in Sachen Sparen. In den Schulden der Haushalte vor der Finanzkrise spiegelt sich der spanische Immobilienboom, der in dieser Zeit mindestens so unhaltbar wie der amerikanische war.

Flassbecks Schlusswort:

Aus diesen einfachen und vollkommen unbestreitbaren Beobachtungen der Finanzierungssalden ergeben sich bedeutsame wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Die wichtigste ist unmittelbar evident und auch bereits ausgesprochen worden: Den »klassischen« Keynesianismus, bei dem der Staat genau dann mit einem eigenen Ausgabenüberschuss und damit eigener Schuldenaufnahme einspringt, sobald die Privaten sich zurückziehen, gibt es nicht mehr. Einzuspringen, um die Nachfragelücke zu schließen, die von den privaten Haushalten und Unternehmen als Sparer aufgerissen wird, ist für den Staat zur Daueraufgabe geworden. In Kapitel 8 kommen wir auf diese Thematik noch einmal zu sprechen.

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