Heinrichsgeist

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Mentales Modellieren
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Heiner Flassbeck

Grundlagen einer relevanten Ökonomik - 1

Einhundert Jahre ökonomische Irrungen und Wirrungen

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Einleitung

Weil die Suche nach Marktlösungen das Forschungsinteresse der Ökonomen beherrscht, neigen sie dazu, die wirkliche Welt durch Modelle zu ersetzen, in denen Angebot und Nachfrage sowie die ihnen entsprechenden Preise alle wichtigen Probleme lösen. Das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gerät darin zum absolut dominierenden methodischen Instrument. Nur solche Vorgänge, die sich mit der Methodik eines Marktgleichgewichts abbilden lassen, können überhaupt wissenschaftlich erfasst werden. Das führt dazu, dass die Ökonomen nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders unter Zuhilfenahme «geeigneter» Annahmen so modellieren, dass sie in ihre Methodik passen. Ob die Annahmen sich noch ausreichend nahe an der Wirklichkeit bewegen, um gehaltvolle Aussagen aus ihnen ableiten zu können, ist für den «Erfolg» der Forschung nicht entscheidend. Schwache empirische Bestätigungen lassen sich auch für Modelle finden, die nachgerade nichts mit den realen Abläufen zu tun haben, solange man «geeignete» ökonometrische Methoden einsetzt. Findet man im Umfeld der Gleichgewichtslehre durchweg nur schwache empirische Belege, legitimiert das jedes Ergebnis, weil man den Mangel an stärkerer Evidenz einfach der «Komplexität» des Forschungsobjekts zuschreiben kann.

Kapitel 1 Einhundert Jahre ökonomische Irrungen und Wirrungen

Große Depression (1929) und Griechische Staatsschuldenkrise (2010)

Die Preise für Arbeit wurden gesenkt, was nach neoklassischer Lehre zu einem Beschäftigungsaufbau hätte führen müssen. Das Gleichgewichtsmodell des Arbeitsmarktes scheitert an der Realität. In der Realität der Krise bleibt die Lohnsumme nicht konstant, sondern mit fallender Kaufkraft fällt auch die Binnennachfrage, was zu steigender Arbeitslosigkeit führt - die Krise verschärft sich.

Bretton Woods

Für Keynes war es offensichtlich, dass nur ein Währungssystem, das flexibel genug ist, um große Ungleichgewichte im Handel der Nationen zu verhindern, und gleichzeitig fix genug, um die Spekulation auszuschalten und den Ländern sowie den Unternehmen Planungssicherheit hinsichtlich des Geldwertes zu geben, den oben genannten Ansprüchen genügen würde. Feste, aber anpassungsfähige Wechselkurse mussten das Ziel sein und genau dieses Ziel wurde in Bretton Woods erreicht.

Ölpreisschocks 1973 und 1979

Entwicklung der Lohnstückkosten korreliert stark mit der Inflationsrate (Abb. 1.18).

Vom Ölpreisschock in die Stagflation: Ohne die lieferbare Ölmenge zu reduzieren, steigt der Ölpreis sprunghaft. Damit wandert Realeinkommen von den ölkonsumierenden Ländern hin zu den Ölproduzierenden, die diese Mehreinnahmen jedoch sparen, anstatt mehr Güter zu importieren. Aus Sicht westlicher Industrienationen entstehen damit eine globale Nachfragelücke und gleichzeitig ein sprunghafter Anstieg der Produktionskosten, was auf die Verbraucherpreise umgelegt wird. Die SPD Regierung in Deutschland versucht ab 1977 mit staatlichem Deficit Spending (Zukunftsinvestitionsprogramm) Nachfrage zu schaffen und die Wirtschaft zu beleben.

Soweit hätten die Schocks vom Wirtschaftssystem durch Preisanpassungen und kleineren Strukturänderungen absorbiert werden können. Folgende Aktionen führten jedoch in eine ernsthafte Stagflation: Starke Gewerkschaften erstritten (nach erstem Schock) starke Lohnerhöhungen, was wiederum von den Unternehmen auf die Verbraucherpreise umgelegt wurde. Die Notenbanken erhöhten bei beiden Schock den Leitzins deutlich, was zu einem Einbruch der Investitionen und damit in die Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit führte.

Das Deficit Spending der Regierung (Fiskalpolitik) konnte nicht greifen wegen der Zinserhöhungen der Notenbank (Geldpolitik). Die Situation wurde ökonomisch nicht richtig verstanden, genauso wenig wie das Zusammenspiel der Instrumente Fiskalpolitik und Geldpolitik.

Eine Gleichgewichtstheorie versagte hier, nämlich beim Thema Kapitalmarkt: Neoklassische gesehen hätte sich der langfristige Zins als Gleichgewichtspreis von Kapitalangebot und -Nachfrage auf einem niedrigen Niveau einstellen müssen. Das Gegenteil ist passiert.

Angebotspolitik der 1980er

Die sozialdemokratischen Parteien waren mit ihrem Latein am Ende und die Konservativen behaupteten, es mit uralten Rezepten besser machen zu können.

Die Zeit von Reagan, Thatcher und Kohl. Reagan gab vor Angebotspolitik zu betreiben, in Wirklichkeit war der US-wirtschaftliche Erfolg einerseits einer glücklichen Zeitlichkeit (globaler Aufschwung nach den Ölpreiskrisen) geschuldet, aber auch einer ausgeprägt expansiven Nachfragepolitik, insbesondere durch Staatsausgaben für das Militär. Deutschland gelang es auf den Zug aufzuspringen und durch Strategie der Abwertung der D-Mark große Handelsbilanzüberschüsse und eine geringe Arbeitslosigkeit zu erzielen.

die neue globalisierte Wirtschaft

Nach der Auflösung der Sowjetunion:

Insbesondere liberalisierte Finanzmärkte prägten die Entwicklung der nächsten beiden Jahrzehnte. Eine ganze Serie von Währungskrisen mündete schließlich in einer Finanzkrise

Entschlossenes Regierungshandeln konnte größeren Schaden verhindern. Aber die wirtschaftliche Entwicklung der Industrienationen war nur sehr mäßig. Deutschlands war mit seiner Strategie, die auf Exportüberschüsse durch Wettbewerbsvorteile zielt, nominal recht erfolgreich.

Die Währungskrise von 1992

Das europäische Währungssystem (EWS) sollte die Wechselkurse der Teilnehmerländer eng beieinander halten, um Kursrisiken zu vermeiden und als starker gemeinsamer Wirtschaftsraum aufzutreten. Differenzen in den Lohnstückkosten (und damit in der Wettbewerbsfähigkeit) wurden immer größer (UK+Italien hoch vs. Deutschland+Frankreich niedrig) und führten zu Spannungen, die durch die Vermeidung Auf-/Abwertungen nicht abgebaut wurden. Pfund und Lira galten als überbewertet und Devisenspekulanten (vornehmlich Soros) wetteten auf Abwertungen von Pfund/Lira/Franc, indem sie sich in diesen Währungen verschuldeten. Die britische Notenbank konnte den Kursverfall nicht stoppen und musste deutlich abwerten.

Hätte man den Zusammenhang von Lohnstückkosten und Nachhaltigkeit der außenwirtschaftlichen Position rechtzeitig zur Kenntnis genommen, hätte man wissen können, dass die Angleichung der Lohnstückkosten zentral für den Erfolg des EWS gewesen war.

Weitere Währungskrisen

Dieses Unterkapitel hat es in sich: Flassbeck schießt scharf gegen IWF, Ökonomen, Banken, Hedgefonds, Geldverwalter:

Für die meisten Ökonomen blieb das, was da geschah, vollkommen unverständlich. Sie sprachen von Finanzkrisen, Bankenkrisen oder Schuldenkrisen, ohne die Bedeutung des Währungssystems für die Abläufe überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Paul Krugman teilte die Krisen in verschiedene Kategorien ein, aber auch er missverstand die Rolle des Währungssystems bei ihrer Entstehung vollständig. In dieser Gemengelage stieg der IWF zur weltweit wichtigsten Institution auf.

In den 1990ern gab es viele Krisen, die durch eine Politik der Verschleppung von Währungsabwertung verursacht wurden: 1992 Europa, 1994 Mexiko, 1996 Asien gefolgt von Osteuropa und Russland, Lateinamerika 1999-2001. Während der globalen Finanzkrise ab 2008 gab es eingebettete Währungskrisen in Brasilien, Island und Ungarn.

Das Muster: Auf hohe Inflation im Land wird mit hohem Zinsniveau begegnet. Ausländisches Kapital fließt ins Land (auch Carry Trades, d. h. Wette auf dauerhaft große Zinsunterschiede), was zunächst ökonomisch belebend ist. Importe steigen (Bedarf an günstigen ausländischen Gütern), die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen erodiert. Irgendwann wird deutlich, dass die Landeswährung überbewertet ist, aber eine Abwertung wird vermieden (entweder wegen Wechselkursfixierung oder aus anderen Gründen). Nun beginnen Devisenspekulanten zu investieren, die darauf wetten, dass das Land irgendwann abwerten muss.

Wenn das Land weiter eine Abwertung vermeidet, beginnt es den Wertgehalt seiner Währung zu steigern, indem Auslandsverbindlichkeiten reduziert werden, d. h. mit Devisen wird die eigene Währung zurückgekauft. Die Devisen gehen aber meist irgendwann aus und dann kommt es quasi zum “Konkurs”.

Der Konkursrichter ist der IWF und dem Land werden dann eine ganze Reihe von Zwangsbehandlungen auferlegt, von denen aber vermutlich nur eine - nämlich die Währungsabwertung - wirklich wirksam ist.

Der Euro: Chance und Risiko

Flassbeck sieht die Währungsunion als eine Chance

für Europa, eine den USA vergleichbare kohärente und im Sinne von Wachstum und Beschäftigung erfolgreiche Geldpolitik zu betreiben. Ob das zu dem theoretischen Konzept passte, das sich die Politik und die EZB selbst gegeben und im Maastricht-Vertrag verankert hatte, ist jedoch eine andere Frage.

Für detaillierte Behandlung verweist Flassbeck auf Kapitel 7. An dieser Stelle werden einige Aspekte genannt:

  • Bei einer Verankerung an die D-Mark hätten alle Teilnehmer der deutschen Geldpolitik folgen müssen, die jedoch nur deutsche Interessen verfolgt
  • Im Bretton Woods System hatten die Teilnehmerländer noch Instrumente der Kapitalverkehrskontrolle, die es so nicht mehr gab
  • Erfolgsfaktor: Stabile Konvergenz der Inflation (insbesondere Verhältnis des Zuwachses von Löhnen/Produktivität) aller Teilnehmer
Nach der Jahrhundertwende: Das Jahrzehnt des Finanzkasinos

Zur Jahrtausendwende platzte die Dotcom-Blase. Es folgte das spekulationsgetriebene Aufpumpen der Subprime-Immobilienblase, welche 2008 zur großen Finanzkrise führte. Ein Faktor für das Aufpumpen war Alan Greenspans Niedrigzinspolitik der FED (was pragmatisch war und eine Abkehr vom Monetarismus bedeutete). Der zweite und wichtigste Faktor, der jedoch in den retrospektiven Analysen kaum zur Kenntnis genommen wurde, war die Deregulierung der Finanzmärkte. Entscheidend ist nämlich der gesetzliche

Rahmen, der dafür sorgt (oder eben nicht dafür sorgt), dass vor allem Anreize für Investitionen in neue Sachanlagen bestehen und nicht für das Hin- und Herschieben von bereits vorhandenen Vermögenswerten.

Nach den ökonomischen Gleichgewichtstheorien dürfte es überhaupt keine Blasen geben, denn an den rationalen Märkten mit vielen Teilnehmern gäbe es genug “Shorter”, welche die Irrationalität der Preistendenz erkennen und gegenhalten müssten. Die Empirie wiederlegt diese Theorie und bestätigt dagegen irrationales Herdenverhalten.

In der Schweiz ist es hinreichend bekannt, dass es Devisenspekulationen gibt, deren Praktiken selbstverständlich regulativ eingehegt werden müssen. Beim Thema Spekulation im Nahrungsmittelhandel ist sich der Schweizerische Bundesrat jedoch nicht so sicher, ob sowas überhaupt möglich ist und gibt erstmal eine Studie dazu in Auftrag. Bitter dabei: Bei Nahrungsmittelspekulation geht es direkt um Menschenleben.

Die 2010er Jahre

Die langfristigen Zinsen folgen dem kurzfristigem Leitzins. Wenn das Zinsniveau über der Wachstumsrate liegt, ist das keine höhere Gewalt sondern eine Folge bewusster geldpolitischer Entscheidungen.

Wichtig ist eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Da Privathaushalte traditionell sparen, muss der Nachfrageentzug von anderen Sektoren ausgeglichen werden (Unternehmen, Staat, Ausland). Der Staat kann also nur dann sinnvoll sparen, wenn ausreichend Nachfrage vorhanden ist und von der Geldpolitik der Notenbanken gestützt wird. Eine florierende Volkswirtschaft setzt zwangsläufig Verschuldung voraus.

Sind dem Staat durch Fiskalregeln, die diesen zwingenden gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang ignorieren, die Hände gebunden, gibt es gewaltige Fehlentwicklungen - und zwar unabhängig von der Frage, ob der Zins von der Geldpolitik richtig gesetzt ist.

Empirisches Beispiel ist Vergleich der Regionen USA und EWU nach 2008 bis 2023. USA verschuldeten sich stark, EWU kaum. In der Konsequenz entwickelten sich Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit deutlich besser in den USA. Beim dritten wichtigen Indikator - der Preisentwicklung (Inflation) - gab es keinen signifikanten Unterschied.

Coronavirus

Politiker mussten im Frühjahr unter großer Unsicherheit entscheiden. Lockdowns und Abstandsregeln brachten das Wirtschaftsleben fast zum erliegen. Die meisten Regierungen schafften finanzielle Abmilderung finanziert durch staatliche Defizite.

Das größte Risiko dieser Aktionen lag im Anstieg der Arbeitslosigkeit und einhergehender Verunsicherung. Es gab zwar Maßnahmen zur Abmilderung, doch dagegen hätte deutlich mehr passieren müssen, meint Flassbeck.

Interessant ist der Ausgang aus der Krise:

Abbildung 1.32 zeigt, dass sich Deutschland seit dem Schock als vollkommen unfähig erwiesen hat, der eigenen Wirtschaft die Impulse zu vermitteln, die notwendig wären, um wieder auf einen angemessenen Wachstumspfad zu kommen.

Versagen der Geldpolitik in den 2020er Jahren

In der Coronapandemie wurden Lieferketten gestört. Durch den Ukraine Krieg wurde die europäische Gasversorgung eingeschränkt. Das führte zu vorübergehenden Preisschocks auf der Angebotsseite und damit zu Preiserhöhungen. Die EZB reagierte falsch: Leitzinserhöhungen dämpfen unternehmerische Tätigkeit, helfen jedoch nicht gegen Preisschocks. Flassbeck verweist auf Kapitel 5 für tieferes Verständnis.

Das große Paradoxon

In der Bretton-Woods Ära (bis 1973) gab es gute Investitionsbedingungen und hohes Wirtschaftswachstum bei niedriger Arbeitslosigkeit. Getragen wurde das von expansiver Geldpolitik, die durch die USA bestimmt wurde, und von unternehmerischen Investitionen. Auf das Ende von Bretton-Woods folgten die Ölkrisen mit ihren Angebotsschocks und dem Phänomän Stagflation. Die Notenbanken (begannen nun eigenständig mit Geldpolitik) und reagierten hart mit Zinserhöhungen, was die Wirkung der Angebotsschocks verstärkte.

Das sich in dieser Zeit durchsetzende neoliberale und monetaristische Programm scheiterte, besonders Paradox dabei

  • Geldpolitik unabhängiger Zentralbanken führte nicht zu einer wirtschaftlichen Führungsrolle privater Investitionen, sondern zum Gegenteil
  • Flexibilisierung der Arbeitsmärkte führte nicht zu weniger, sondern zu mehr Arbeitslosigkeit

Evidenz: Flassbeck liefert viele Diagramme: Zinsen und Inflationsraten (Überblick 4), langjähriger Wirtschafts(abwärts)trend und monetäre binnenwirtschaftliche Bedingungen (Überblick 5). Letztere sind besonders interessant:

Da man die Wachstumsrate als eine Art gesamtwirtschaftlicher Investitionsrendite ansehen kann, muss man den von der Wirtschaftspolitik gesetzten oder zumindest massiv beeinflussten Zins mit dem Wachstum vergleichen, um die umfassendste Darstellung der für die Investitionen entscheidenden Zinsbedingungen zu erhalten.

Damit wird veranschaulicht, dass die Zeit ab den 1980ern bis zur großen Finanzkrise eine vorwiegend restriktive Phase war. Die USA schneiden dabei deutlich besser ab als die anderen Industrienationen, auch hinsichtlich Beschäftigungsquote, was Flassbeck auf eine pragmatische Wirtschaftspolitik zurückführt (Defizite in Kauf nehmen).

Das Rätsel, das es zu lösen gilt

Es ist aber keineswegs verstanden, warum der Übergang zu einer stark von der Neoklassik beeinflussten Wirtschaftspolitik dem marktwirtschaftlichen System die Investitionsdynamik genommen hat. In den nächsten Kapiteln werden wir daher versuchen, die Grundlagen für eine relevante ökonomische Theorie zu legen. Sie muss erklären, was grundlegend schiefgelaufen ist und Hinweise dafür geben, wie die Marktwirtschaft revitalisiert werden kann.

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