Heinrichsgeist

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Mentales Modellieren
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Kapitel 4 Arbeit und Lohn

Makroökonomisch gibt es keinen Arbeitsmarkt. Der Begriff lenkt in die falsche Richtung.

4.1 Die betriebliche Sicht oder der Exportkanal

Ein lohnzurückhaltendes Land (Flassbeck benutzt dafür den Begriff »Exportkanal«) kann sich Wettbewerbsvorteile verschaffen und so Arbeitsplätze sichern. Das geht auch für einzelne Betriebe oder Branchen. Das funktioniert aber keineswegs global makroökonomisch (Analogie: Im Kino aufstehen, um seine Sicht zu verbessern, das funktioniert nicht für alle).

Laut Flassbeck muss dieser »Exportkanal« von einer seriösen makroökonomischen Theorie als dysfunktional betrachtet werden. Auch Gewerkschaften und Betriebsräte sollten begreifen, dass mit Gegenreaktionen zu rechnen ist, und damit die Arbeitnehmer insgesamt zu verlieren.

4.2 Angebot, Nachfrage und ein Arbeitsmarkt? 4.3 Der neoklassische Arbeitsmarkt ist eine Fiktion

Neoklassische Nutzentheorie: Der Lohn des letzten eingestellten Arbeiters entspricht exakt seinem Grenznutzen. Denn die Arbeitsbereitschaft (Angebot) korreliert positiv mit dem Reallohn, die Nachfrage dagegen negativ. Nach diesem simplen Gleichgewichtsmodell ist Arbeitslosigkeit ausschließlich ein Phänomän zu hoher Löhne.

Demnach würden Unternehmen bei fallenden Löhnen Kapital durch Arbeit substituieren. Einen Einfluss fallender Güternachfrage durch fallende Löhne kennt dieses Modell nicht. Umstellung auf arbeitsintensivere Produktionsweise ist lauf Flassbeck unplausibel, erstens würde das lange dauern und ist unter Wettbewerbsbedingungen sowieso zweifelhaft, dass sich Unternehmen dazu entschließen (Wozu sollte jemand die Arbeitsproduktivität senken wollen?). Plausibel ist dagegen, dass auf den sofort eintretenden Nachfragerückgang Entlassungen folgen (Kombination niedriger Löhne und hoher Arbeitslosigkeit gab es in der großen Depression und in der Griechenlandkrise).

Die Theorie erwartet von den Unternehmen ein Verhalten, das ihrem rationalen Kalkül in einem Wettbewerbsumfeld fundamental widerspricht.

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Weil Lohnsenkungen einen negativen Effekt auf die Güternachfrage haben und die Arbeitsnachfrage der Unternehmen bei sinkender Güternachfrage sinkt, kann kein Gleichgewicht am Arbeitsmarkt existieren. Der mittelbare Effekt der Lohnsenkung auf die Arbeitsnachfrage der Unternehmen bedeutet, dass die Angebotskurve am Arbeitsmarkt nicht unabhängig von der Nachfragekurve ist. Das Angebots-Nachfrage-Schema muss aber, um überhaupt gültig zu sein, unterstellen, dass die beiden Kurven unabhängig gezeichnet werden können. Für viele einzelwirtschaftliche Märkte ist das sicher gegeben, für eine gesamtwirtschaftlich so bedeutende Größe wie Arbeit hingegen sicher nicht.

Schon an dieser Stelle sind wir in der Lage, einen Satz zu formulieren, der die gesamte herrschende Ökonomik auf den Kopf stellt: Lohnsenkung vernichtet Arbeitsplätze! Das gilt zumindest für jede gesamtwirtschaftliche Betrachtung. Diese Tatsache ist selbst für die Gewerkschaften, die in Deutschland und in vielen anderen Ländern immer mehr zum Verteidiger einzelner Arbeitsplätze werden, nur schwer nachzuvollziehen. Sie haben seit der Jahrtausendwende das Gegenteil getan

Daraus abgeleitet die goldene Lohnregel:

In einer Volkswirtschaft sollten die Löhne im Durchschnitt mit einer Rate steigen, die sich aus der mittelfristig zu erwartenden durchschnittlichen Produktivitätsentwicklung der Gesamtwirtschaft zuzüglich der von der Geldpolitik erwünschten Preissteigerungsrate berechnet. Alles, was darüber hinaus geht, führt früher oder später zu einer höheren Preissteigerungsrate als der erwünschten.

Box 6: Die Phillips-Kurve:

Weil die Verhältnisse so sind, wie oben geschildert, ist die Beziehung zwischen Inflation und Beschäftigung keineswegs als Konfliktbeziehung anzusehen. Genau das behauptet aber die Phillips-Kurve

Es gab’ Phasen zu starker Lohnerhöhungen (Verletzung der goldenen Lohnregel seitens Gewerkschaften. Beispiel UK in den 1960ern). Daraus darf keine allgemeingültige Gesetzmäßgkeit abgeleitet werden oder

gar Inflation als einfach einzusetzendes Mittel zu begreifen, um die Beschäftigung zu erhöhen und die Arbeitslosigkeit abzubauen, ist ein geradezu lächerlicher Kurzschluss.

Laut Flassbeck kann bei vernünftiger Balance aus Lohnpolitik und Geldpolitik ein Boom aufrechterhalten werden (Verwerfen der Phillips-Kurve und Einhaltung der goldenen Lohnregel).

4.4 Die makroökonomische Bedeutung des Lohnstandards

Man muss die mikroökonmischen Motivatoren kennen, um auf der Makroebene die Bedingungen für eine nachhaltig positive Dynamik der Volkswirtschaft ableiten zu können. (MMT und Marx kennen das nicht).

Werden die Kosten aller Unternehmen einer Volkswirtschaft aufgelöst (nehmen wir mal an es gäbe eine Deutschland GmbH) dann fallen im wesentlichen Kosten der importierten Güter und die aggregierten Lohnkosten an. Letztere haben die besondere Eigenschaft, dass sie innerhalb der Volkswirtschaft ausgehandelt werden und damit als Hebel im internationalen Wettbewerb wirken können (das funktioniert für Rohstoffe nicht, da auf internationalen Börsen gehandelt). Die Lohnstückkosten sind daher eine makroökonomisch wichtige Größe.

Bei fairem Wettbewerb gibt es einen Innovationsprozess, der den Kapitalstock wandelt und Stückkosten senkt. Branchen mit hohen Produktivitätszuwächsen werden auch bei Lohnerhöhung die Preise tendenziell senken, in anderen Branchen (z. b. Dienstleistung) dagegen werden Preise erhöht werden. Steigerungen von Lohnstückkosten und Preisen hängen eng zusammen (aber auch Zinsniveau und Importgüterpreise haben Einfluss)

Box 7: Was sind gesamtwirtschaftliche Lohnstückkosten? »Sachkapital kann man auf der Makroebene als eine Art gefrorene Arbeitsleistung ansehen« (nämlich aus Arbeit aus früheren Perioden). Verschleiß des Sachkapitals lässt die geforene Arbeitsleistung abschmelzen.

$$$ Lohnstückkosten_{gesamtwirtschaftlich} = \frac{Lohnsumme / Arbeitsstunden_{Lohnarbeit}}{BIP_{preisbereinigt}/Arbeitsstunden_{Gesamterwerbsarbeit}} $$$ Für Tarifverhandlungen bleibt kein großer Spielraum (Flassbeck verweist auf Kapitel 4.6)

Der Lohnstandard, so wie wir ihn definieren, besteht aus dem Zugeständnis aller wichtigen gesellschaftlichen Gruppen, dass durch Verteilungskämpfe in den Lohnverhandlungen in keiner Richtung etwas zu erreichen ist. Die entscheidenden Ziele sind eine stabile Inflationsrate und die volle Beteiligung der Arbeitnehmer am Fortschritt der Produktivität. Beides ist ohne weiteres zu erreichen, wenn man sich von den überkommenen Vorstellungen eines neoklassischen Arbeitsmarktes löst.

4.5 Herkömmliche Arbeitsmarkttheorien und ihre Schwächen

Arbeit ist kein handelbares Gut, dessen Preis und Menge über Marktmechanismen einen Ausgleich finden - die Marktbrille führt beim Thema Arbeit in die Irre. Makroökonomisch können alle profitieren, wenn Löhne steigen (weil dadurch ebenso Nachfrage erzeugt wird).

Die vielbeschworene Antagonie von Arbeit und Kapital ist ein gewaltiges Hindernis auf dem Weg zu einer gesamtwirtschaftlichen Analyse und einer angemessenen Lohnpolitik. Dafür ist vorwiegend Karl Marx verantwortlich, der den Zusammenhang von Lohn und gesamtwirtschaftlichem Einkommen nicht kannte und so tat, als wären die Kapitalisten auch ohne den Konsum der Arbeiter imstande, (irgendwo auf dieser Welt) prächtig zu leben und dauernd hohe Gewinne zu machen. Das können sie aber nicht, und deswegen ist es die Aufgabe der Lohnpolitik, dafür zu sorgen, dass es allen besser geht, den Arbeitnehmern und den Unternehmern.

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Nur wenn steigende Arbeitsproduktivität von steigenden Löhnen (inklusive des Inflationsziels) begleitet wird, können Arbeitsplatzverluste vermieden werden (und steigende Löhne erzwingen höhere Produktivitätsanstrengungen bei den Unternehmen). Dieser einfache Zusammenhang, man muss es leider sagen, ist den deutschen Gewerkschaftern und ihren akademischen Beratern eigentümlich fremd geblieben.

Auch eine scheinbar moderne Lehre wie die MMT findet keinen Zugang zu der Bedeutung des Lohnes für die Gesamtwirtschaft. An der Stelle, wo bei einer Theorie stehen müsste, wie es zu Inflation und Deflation kommt, steht bei der MMT ein politischer Vorschlag namens Jobgarantie. Lohnpolitik ist der Theorie vollkommen fremd, weil sie die Dynamik einer Volkswirtschaft praktisch nur am staatlichen Ausgabeverhalten festmacht.

Arbeiter wurde in der ökonomischen Geschichte als »Konsumentenmasse« erkannt, es liegt demnach im Eigeninteresse der Industrie, die Löhne zu erhöhen:

Insofern muss man den Neoliberalismus, der Mitte der 1970er-Jahre antrat, um die Arbeitsmärkte zu flexibilisieren und damit den Unternehmern die Möglichkeit zu bieten, genau das nicht zu tun, als wirkliche Regression bezeichnen, als einen Rückschritt der Erkenntnis ins 19. Jahrhundert, als ein pathologisches Zurückfallen in die eigene Kindheit.

Der Staat müsste die makroökonomische Perspektive einnehmen. Da die Erkenntnis der Zusammenhänge bei den Staatslenkern bisher nicht angekommen ist, darf man die »Flinte nicht ins Korn werfen«, sondern muss weiter Aufklärung betreiben.

4.6 Wettbewerbsfähigkeit und Handel auf Unternehmensebene und auf nationaler Ebene

Steigerung des Wohlstands (durch Produktivität) und Strukturwandel zur Anpassung an die sich wandelnden Bedürfnisse, erfordern einen funktionierenden und unverzerrten Wettbewerb (Innovationen und schöpferische Zerstörung im Schumpeterianischen Sinn). Ein internationaler Verzerrungsfaktor ist falsche Wechselkursbewertung. Ein nationaler Verzerrungsfaktor ist flexibler Lohn, wenn bspw. für die gleiche Arbeit in verschiedenen Branchen unterschiedliche Löhne gezahlt werden.

4.7 Die mikroökonomische Bedeutung des Lohnstandards

Strukturwandel (wirtschaftliche Entwicklung) wird auf Mikroebene durch das Zusammenspiel von Löhnen, Preisen und Produktivität bestimmt. Es gibt eine Tendenz, die zum Dienstleistungssektor strebt, die Industrie hat jedoch in großen Volkswirtschaften starkes Beharrungsvermögen - hier ist Potenzial zur Erhöhung der Realeinkommen durch Produktivitätserhöhung.

4.7.1 Löhne, Preise und Produktivität

Sättigung von Märkten (abnehmender Grenznutzen aus Sicht der Kunden) ist ein Treiber für Strukturwandel. Gewichtiger ist jedoch die Schaffung neuer Bedürfnisse (»Konsumentensouveränität und freie Entscheidung sind eine Fiktion«) und damit die Schaffung neuer Nachfrage.

Produktivitätssteigerung eines Unternehmens wirkt stets als Beitrag zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Es gibt unterschiedlichste Wege, wie sich die erhöhte Produktivität in erhöhte gesamtwirtschaftliche Nachfrage übersetzt: Volumensteigerung ohne Entlassungen, Lohnerhöhungen im Betrieb, Preissenkung mit Entlassungen oder Mischformen. Selbst bei Entlassungen wirkt die Preissenkung gesamtwirtschaftlich reallohnsteigernd und damit nachfragewirksam - es werden anderswo neue Stellen geschaffen.

Steigen durch einen inflexiblen Flächentarifvertrag alle Löhne mit der gesamtwirtschaftlichen Produktivität, dann ist Innovationsleistung ausschließlich unternehmerisches Risiko und kein Lohnrisiko. Aus Sicht der nicht innovativen Unternehmen:

Entsprechend machen sie – zumindest relativ zum rationalisierenden Unternehmen – geringere Gewinne. Das ist auch gut so, denn im Wettbewerb soll schließlich derjenige belohnt werden, der besonders erfolgreich innoviert und investiert. Das Zurückfallen der Nicht–Pioniere ist das Instrument, um sie zu größeren Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Produktivität zu zwingen. Nur weil es diesen Mechanismus in Marktwirtschaften im Gegensatz zu Planwirtschaften immer gegeben hat, sind sie so erfolgreich gewesen bei der Bewältigung des Strukturwandels und bei der Steigerung des Lebensstandards.

Box 8: Die Scherentheorie und die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung

Man behauptet, es gelte eine einfache ökonomische Formel: Wenn die Produktivitätsrate größer ist als die preisbereinigte Wachstumsrate der wirtschaftlichen Leistung, entlade sich das in einem Rückgang des Arbeitsvolumens. Dann müssten entweder Leute entlassen werden oder die Arbeitszeit pro Kopf sinken.

Das ist die sogenannte Scherentheorie.

Und die ist falsch: Rationalisierung entlädt sich nicht zwangsläufig in Arbeitslosigkeit, sondern

In Wirklichkeit wechseln sich Phasen steigender mit sinkender Arbeitslosigkeit ab: Mal steigt also die Produktivität stärker als das Wachstum und mal ist es umgekehrt.

4.7.2 Investitionen und Produktivität

Die einzig valide Theorie der wirtschaftlichen Dynamik, wie in Kapitel 3 ausführlich vorgestellt, ist die Entwicklungstheorie nach Schumpeter. Wenn wir sie ein wenig modifizieren und schematisieren, ermöglicht sie es uns nicht nur, die mikroökonomische Dynamik zu begreifen, sondern auch, sie in einen makroökonomischen Kontext einzuordnen.

Schumpeters Entwicklungstheorie mit endogener Begründung: Für wirtschaftliche Entwicklung ist auf der mikroökonomischen Ebene die unternehmerische Investition entscheidend, die dem erfolgreichen Pionier einen Vorteil verschafft in Form von besser verkäuflichen Gütern oder günstigeren Produktionsverfahren.

Profitsicherung durch Lohndrückerei auf Einzelunternehmensebene ist keine Entwicklung in diesem Sinn und auf makroökonomischer Ebene schädlich.

4.7.3 Flächentarifvertrag

Flächentarifverträge sind nichts anderes als ein funktionales Äquivalent zur Mobilität der Arbeitskräfte in einer Welt, in der die Arbeitskräfte nicht mehr so mobil sind. Der Flächentarifvertrag stellt Bedingungen her, wie sie auf einem Wettbewerbsmarkt herrschen würden, und ist genau deswegen kein dem Marktsystem von außen aufgedrücktes sozial- und gewerkschaftspolitisches Instrument, sondern der perfekte Ersatz für den aus vielen institutionellen Gründen bei weitem nicht perfekten Markt auf der Basis der Mobilität von Arbeit.

Für Vorprodukte (auch Rohstoffe und Energie) gelten Marktpreise, die für alle gleich sind. Verteuert sich ein Vorprodukt, so betrifft das alle Branchen und Firmen gleichermaßen und die Kosten werden auf die Preise der Endprodukte umgelegt. Keiner Firma entsteht dadurch ein Wettbewerbsnachteil.

Mit einem Flächentarifvertrag wird dieses Prinzip auf den Faktor Arbeit übertragen: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Da die Unternehmen Vorprodukte und Arbeit nicht drücken können, müssen sie sich kontinuierlich bemühen, mittels schöpferischer Kraft attraktive Produkte und Dienstleistungen zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten (unter der Annahme, dass sie den Wettbewerb nicht anderweitig ausschalten können). [dies führt zurück auf das ureigene Bild, was den Wert des unternehmerischen Handelns für die Gesellschaft ausmacht, auf den Kern des Unternehmertums]. Dies ist eine Situation gegebener Preise und flexibler Gewinne, die Cleverness im unternehmerischen Handeln erfordert. Wenn Branchen insgesamt unattraktiver werden, dann findet ein Strukturwandel statt.

Betriebliche Lohnregelungen mit Gewinnbeteiligung machen die Arbeitnehmer beschränkt mit haftbar für Managementfehler. Das Einkommensrisiko wird abgewälzt, das Entlassungsrisiko verringert. Laut Flassbeck kann das kein Ersatz für vernünftige Wirtschaftspolitik auf der Makroebene sein.

Seit Anfang der 2000er Jahre wurden Flächentarifverträge in Deutschland abgeschafft. Damit können Löhne in Branchen oder sogar in einzelnen Unternehmen gedrückt werden. Wenn dies passiert, wird die Wettbewerbsfähigkeit nicht durch schöpferische Kraft, sondern auf Kosten der Arbeitnehmerschaft aufrechterhalten, welche nun einen Teil des unternehmerischen Risikos trägt. Dies ist eine Situation flexibler Preise und gegebener Gewinne. Der Unternehmer muss nicht mehr kontinuierlich innovativ sein. Sinnvoller Strukturwandel wird dadurch ebenfalls behindert. Flassbeck bedauert, dass die Gewerkschaften dieses Spiel mitmachen.

Aus Sicht der Unternehmen:

Auf diesem Wege können sie Einkommensunsicherheiten auf ihre Beschäftigten verlagern, d. h., vom System flexibler Gewinne (und rigider Löhne) auf ein System flexibler Löhne (und rigider Gewinne) wechseln.

[Aus Sicht des einzelnen Arbeitnehmers: Die Lohnhöhe wird nun nicht mehr im Wesentlichen durch die Qualifikation bestimmt, sondern auch dadurch, “wo” man seine Tätigkeit ausübt].

Im Ergebnis: Eine Differenzierung der Löhne für gleich knappe Arbeit nach Betrieben oder Sektoren verstößt gegen die Grundprinzipien einer sinnvollen marktwirtschaftlichen Ordnung. »Flexible« Löhne in diesem, den Begriff der Flexibilität missbrauchenden Sinne, führen darüber hinaus in einer sich rasch entwickelnden Volkswirtschaft zu einer Dämpfung der Dynamik, da sie die Anreize für Pionierunternehmen vermindern und weniger erfolgreiche Unternehmen subventionieren.

Entscheidend aber ist: In keinem zeitlich offenen und sich entwickelnden System lässt sich nachweisen, dass eine Lohndifferenzierung über die Dämpfung des Produktivitätsfortschritts positive Beschäftigungseffekte auszulösen vermag. Dagegen sind die negativen Einkommenseffekte eindeutig.

Box 9: Das Law of One Price, David Ricardo und die Dienstleistungslücke

Lohnsteigerungen durch hohe exportwirksame Produktivität wirkt durch “Law of One Price” am Arbeitsmarkt zum großen Teil auch in den Dienstleistungssektor hinein, der vom internationalen Gütermarkt abgeschnitten ist. So erklären sich international unterschiedliche Preisniveaus. Dieser »Samuelson-Balassa-Effekt« basiert auf David Ricardos Analyse. Flassbeck weist darauf hin, dass international unterschiedliche Entwicklung der Lohnstückkosten nicht immer auf diesen Effekt zurückgeführt werden können, und es daher besser ist, direkt auf die Lohnstückkosten zu schauen.

4.8 Entlohnung nach der individuellen Grenzproduktivität?

Auf der Makroebene ist das Reallohnniveau relativ eng an die Produktivität gekoppelt, das ist jedoch nicht auf die Mikroebene übertragbar (für einzelne Mitarbeiter wäre das erstmal schwer messbar). Wenn in einem Bereich die Produktivität steigt, würden starke Gewerkschaften höhere Löhne durchsetzen für alle Mitarbeiter dieses Bereichs. Sind die Gewerkschaften schwach, würde höhere Produktivität (bei gleichen Löhnen und Wettbewerbsbedingungen) normalerweise zu sinkenden Preisen in dem Bereich führen, womit wiederum die Reallöhne über alle Bereiche hinweg steigen. So profitieren auch Berufsbilder, deren Produktivität sich nicht steigern lässt.

Wichtig: Wenn die Löhne in Summe soviel steigen, dass der Gesamtzuwachs der Produktion verkonsumiert wird, entstehen keine Unwuchten. Zu wenig wirkt rezessiv, zu viel wirkt inflationär. Dies ist aber ein rein makroökonomischer Effekt.

Das bedeutet, dass nur dann, wenn die Löhne in ausreichendem Maße steigen, auch die Nachfrage nach Arbeit ausreichend steigen kann, um alle Arbeitswilligen zu beschäftigen.

Warum sich bei Arbeit und Lohn das Schicksal der Neoklassik entscheidet

Nach neoklassischer Lehre sorgt ein ein Arbeitsmarktmechanismus dafür, dass sich bei gleicher individueller Produktivität eine Lohnangleichung einstellen muss. Dauerhafte Lohnunterschiede bei gleicher Produktivität sind ausgeschlossen. Entsprechend kann die Motivation für Auslandsinvestition nur darin besteht, kapitalintensive Maschinen durch billige Arbeit zu ersetzen. Das steht im Widerspruch zur Wirklichkeit, wo Unternehmen moderne Produktionsanlagen ins Ausland schaffen, um sie mit niedrigen Löhnen zu kombinieren und sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Die Maschinenarbeiter sind nahezu gleich produktiv bei dauerhaft unterschiedlichen Löhnen. Der Widerspruch ist ganz einfach erklärbar - der neoklassisch angenommene Arbeitsmarktmechanismus existiert schlichtweg nicht.

Gibt die Neoklassik die Idee vom sich selbst stabilisierenden Arbeitsmarkt auf und gesteht zu, dass keine Substitution zwischen Arbeit und Kapital existiert, ist ihr gesamtes Weltbild am Ende. Ohne »Arbeitsmarkt« kann es kein allgemeines Gleichgewicht geben und alle Modelle, die heute verwendet werden, sind obsolet. Wer die reine Lehre – aus welchen Gründen auch immer – verteidigen will, muss sich folglich konsequent gegen die Logik und gegen die Fakten stellen

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