Grundlagen einer relevanten Ökonomik - 2
KAPITEL 2 Statik und Dynamik in der Geschichte des ökonomischen Denkens
Inhalt
>Zurück zur Kapitelübersicht des Buches<
KAPITEL 2 Statik und Dynamik in der Geschichte des ökonomischen Denkens
Laut Buchrücken heißt das Kapitel “Schumpeter ist wichtiger als Keynes”.
2.1 Léon Walras und das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage auf allen Märkten
Léon Walras schuf ein mathematisch konsistentes Modell von beliebig vielen miteinander verbundenden idealen Märkten, die durch Marktmechanismen jeweils einen Gleichgewichtszustand anstreben und auch auch in Summe ein simultanes Gleichweicht aller Märkte finden - das allgemeine Gleichgewicht. Markmechanismus: Ideale Auktionen, welche sukkzessive (tâtonnement und recontracting) den optimalen Preis finden, bei dem der Güterumsatz maximiert wird. Nach einem Impuls oder nach einer Störung findet das System zurück zum allgemeinen Gleichgewicht zurück. Das Wirschaftsgeschehen wird damit als Sequenz von allgemeinen Gleichgewichtszuständen gedacht. Das ist mathematisch griffig, ganz anders als die Modellierung der Dynamik hochkomplexer Systeme, die auf sozialen Interaktionen basieren (inklusive “objektiver Unsicherheiten” nach Keynes).
Flassbeck dazu:
Die Stabilität eines allgemeinen Gleichgewichts mit einem gewaltigen Netzwerk voneinander abhängiger Preise ist im zeitlichen Ablauf einer globalen Wirtschaft eine reine Fiktion.
und
Die Mathematik gerät schnell an ihre Grenzen, wenn sie ein System beschreiben soll, das sich selbst dynamisch entwickelt, das also seine Eigenschaften in moderner Terminologie »pfadabhängig« verändert. Ohne ein über Kurz oder Lang angestrebtes Gleichgewicht kein mathematisch handhabbares Modell, ohne mathematisch handhabbares Modell vermeintlich keine »Wissenschaftlichkeit« - so kann man das methodische Problem der Mainstream-Ökonomen wohl zusammenfassen. Es ist bis heute dadurch »gelöst« worden, dass man die Erfassung der Realität mit all ihren dynamischen Prozessen auf dem Altar der scheinbaren, formal abgesicherten »Wissenschaftlichkeit« von Gleichgewichtsüberlegungen geopfert hat
und
Die Untersuchung dieser Vorgänge macht den theoretischen Kern des vorliegenden Buches aus. Zins, Wechselkurs und der Lohn der Arbeit, also die gesamtwirtschaftlich gebildeten Preise, haben weder von ihrer Entstehung noch von ihrer Funktion her etwas mit dem walrasianischen Prozess zu tun. Baut man diese Preise in realitätsnaher Weise in eine Marktsystem ein, entsteht ein völlig neues Gebilde, das sich mit den herkömmlichen Mitteln der Ökonomik nicht abbilden und schon gar nicht erklären lässt.
2.2 Die Stationarität der Neoklassik und die Wachstumstheorie
Box zu “Das Kapital im 21. Jahrhundert” (Piketty): Das Werk argumentiert durchweg auf Basis der Harrod-Domar-Solow-Formel, ist damit in neoklassisschen Vorstellungen verwurzelt. Die Thesen basieren nicht auf Theorien, welche Entwicklungen über lange Zeiträume angemessen erklären können.
Wirtschaftliche Entwicklungsdynamik wird unzureichend modelliert durch die gängige “Wachsumtstheorie” (Vorarbeit durch Böhm-Bawerk) und der “Theorie der Faktorpreise”.
Wachstumstheorie: Verlassen eines Gleichgewichtszustands durch verbesserte Technik oder Sparen (Konsumverzicht führt zu Investition). Kritik: Geht zwar über Stationarität hinaus (Zeit und Unsicherheit werden einbezogen), aber die konstruierte Welt (Robinson-Crusoe Angelbeispiel) setzt Sparen als notwendige Bedingung fürs Investieren. Das vorausgesetzte gegebene Einkommen existiert in Realität aber nicht, in der die Einkommen von Ausgabenänderungen beeinflusst werden.
Theorie der Faktorpreise: Wurde durch Solow in die Wachstumstheorie eingebaut. Danach wird das Verhältnis von Arbeit zu Kapital in der Produktion durch deren Kosten bestimmt. Ein flexibler Lohn kann demnach so eingestellt werden, dass Vollbeschäftigung hergestellt ist. (Unternehmer substituieren dann Kapital durch Arbeit, Verweis auf Cobb-Douglas-Produktionsfunktion). Unternehmerische Entscheidungen orientieren sich in der Realität aber weniger an der aktuellen Kapitalproduktivität, sondern an Zukunftserwartungen.
Die Gleichheit von Sparen und Investieren (S = I) war und ist – trotz Keynes’ expliziter Kritik – heute noch der Fixpunkt der gesamten ökonomischen Theorie und insbesondere des Teils, der »Wachstumstheorie« genannt wird. Das ist konsequent, solange man wie Robinson auf seiner Insel verharrt. Jenseits dieser Welt aber, bei anonymen Entscheidungen, unvollkommener Information und aus dem Nichts geschaffenem Geld, ist S = I der Kern des großen Missverständnisses, dem die Ökonomik seit zweihundert Jahren aufsitzt.
Investieren als automatische Konsequenz des Sparens (Harrod, Domar) aufzufassen lenkt ab:
Die eigentliche Frage, welche Signale in einer komplexen Wirtschaft bei den Unternehmen ankommen, wenn die privaten Haushalte weniger von ihrem Einkommen ausgeben als zuvor, stellen diese »Wachstumsmodelle« ebenfalls nicht.
2.3 Say’s Law: Der »Battle Cry« und seine Bedeutung
Jean Baptiste Say schrieb 1803 einen Satz, der auf einen Slogan verkürzt wurde und als Schlachtruf benutzt wird: »das Angabe schafft sich seine Nachfrage«. Das gibt der Neoklassik den Anschein, einen Zugang zu Dynamik zu haben. Für einen echten Zugang ist dieser Slogan viel zu oberflächlich. Außerdem gibt es keine stützende Empirie.
Der Slogan wird gelegentlich in Variationen verwendet: Flassbeck gibt ein Beispiel zum Jahresgutachten 1999/2000 des Sachverständigenrates, das sich für zurückhaltende Lohnpolitik stark macht ohne Auswirkungen auf die Inflation zu benennen (oder zu erkennen).
2.4 Knut Wicksell
Wicksell gab den Banken eine eigenständige Rolle im Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung, weil sie in der Lage sind, Kredite zu einem Zins zu vergeben (dem Geldzins), der unter oder über dem natürlichen Zins (den erwarteten Erträgen der Investitionen) liegt und dadurch eine Beschleunigung oder Verlangsamung der Investitionstätigkeit auslösen kann. Dies zieht potenziell einen kumulativen Prozess in expansiver oder restriktiver Richtung nach sich, bei dem die meisten Preise in Bewegung geraten und in dem das Preisniveau steigt oder fällt.
Der Zyklus der Konjunktur erhält dadurch nicht nur eine systematische Erklärung, sondern auch eine besondere Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung, weil der klassische Steady State zu einem Zufallsergebnis wird, das keinerlei besondere Bedeutung hat. Die Unternehmen und die unternehmerischen Investitionen gewinnen enorm an Bedeutung und können nur noch im Rahmen des Konjunkturzyklus und seiner monetären Implikationen gesehen und verstanden werden.
Die Bedeutung der Wicksell’schen Analyse für die Überwindung der neoklassischen Stationarität ist kaum überschätzen.
2.5 Intertemporale Vorsprünge à la Schumpeter
Wichtiges Unterkapitel: Schumpeter sah keinen Widerspruch in den Gewinntheorien von Marx (Profitstreben der Kapitalisten) und Walras (keine Gewinne). Walras’ Gleichgewicht ist ein gedachter stationärer Zustand, während das Profitstreben der Unternehmer (statt Kapitalisten wie bei Marx) die real beobachtbare Dynamik ins System bringt. Praktisch geschieht dies durch Investitionen basierend auf nichtgebundenem Geld, welches letztendlich aus dem Nichts geschaffen wurde. Der Geldzins und der erwartete Zins (Profit, oder nach Wicksell »der natürliche Zins«) sind essentiell für die unternehmerische Entscheidung. Der Unternehmer möchte sich Vorsprünge im Wettbewerb verschaffen; auf der Makroebene können sich gesellschaftliche Wohlstandsgewinne einstellen, die die grundsätzlich inflationären Effekte übersteigen.
Der stationäre Gleichgewichtszustand wird in der Realität zwar nie eingenommen, hat aber einen Wert für das Systemverständnis.
2.6 Wilhem Lautenbach und Keynes’ Treatise
Eine Formel Lautenbachs kann umgestellt werden zu
$$$ E_U = I + V_U - S_N $$$
Das Einkommen der Unternehmer entspricht den Investitionen plus dem Verbrauch der Unternehmer minus der Ersparnisse der Nichtunternehmer. Letzteres gilt auch für staatliches Sparen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass breite Sparneigung einen selbstverstärkernden Prozess in Gang setzt - und vice versa.
Der Zyklus der Konjunktur mit seiner offenkundigen Neigung, in beiden Richtungen zu »überschießen«, findet hier eine systematische Erklärung.
Der Staat kann durch Spar- oder Ausgabenpolitik antizyklisch intervenieren.
Je nachdem, ob ein Ausgaben- oder ein Einnahmenüberschuss am Beginn eines dynamischen Prozesses steht, entwickelt sich die Wirtschaft in Richtung Einkommenssteigerung oder -senkung. Die neoklassische Vermutung, man könne auch in einer komplexen Wirtschaft durch einen Einnahmenüberschuss, durch »Sparen«, durch Gürtel-enger-Schnallen mithilfe von »nicht keynesianischen Effekten« einen Wachstumsschub initiieren, ist von vorneherein vollkommen unsinnig.
Die Mainstream-Ökonomie postuliert mit ihrer Theorie der rationalen Erwartungen, dass erhöhtes Sparen ein beschleunigtes Wachstum erwarten ließe. Laut Flassbeck ein absurder Zirkelschluss: Bei sinkender Nachfrage, sinkenden Gewinnen, sinkender Produktionsauslastung müssten Unternehmen demnach verstärkt kreditfinanziert investieren (was sie real nicht tun, selbst wenn der Zinssatz sinkt). Gezeichnet wird ein Bild, bei dem Investitionsentscheidungen stets reaktiv-antizyklisch zum Konsumentenverhalten gefällt werden. (HG Interpretation: Für $$S=I$$ bräuchte es Unternehmer, deren Zukunftsoptimismus umso größer ist, je schlechter die aktuelle Lage)
Ähnlich Lautenbach hatte Keynes bereits 1936 formuliert
$$$ Q = I - S $$$
wobei $$Q$$ für die Gewinne (bzw. Verluste) der Unternehmer steht, die eine ausgleichende Kraft zwischen Investieren und Sparen darstellen und sich bei vermehrten Sparen verringern. Das neoklassische Gleichgewicht stellt sich im Zustand der Gewinnlosigkeit ($$Q=0$$) ein.
2.7 Keynes und die General Theory
Flassbeck sieht gewisse Unsicherheit bei Keynes. Dass dessen Gesamtbild nicht komplett, konsistent und empirisch abgesichert war ermöglichte Aneignung und Verfremdung durch Neoklassiker, beginnend mit Hicks.
Inkonsistenzen, die Flassbeck in Keynes’ General Theory sieht (HG: Die ersten zwei kann ich nicht nachvollziehen)
- Kapitel 16: Sparen bedeutet geringere Nachfrage. Keynes schließt daraus nicht konsequent auf geringere Renditeerwartung
- Kapitel 19: Keynes spricht sich für konstante Löhne aus, was laut Flassbeck Deflationsrisiko darstellt und nicht vernünftig begründet ist
- Die Analyse der Arbeitslosigkeit in der großen Depression kommt nicht zur relevanten Frage, ob Reallohnsenkungen wirksam sind, sondern wie diese am besten durchzusetzen sind
- Keynes löst sich nicht vom Konzept der Grenzproduktivität, wodurch er den Klassikern treu bleibt und Sicht auf die Realität versperrt bleibt: Reallöhne und Beschäftigung sind wie bei den Klassikern »uniquely correlated«. Es fehlt die Erkenntnis der Wirkung von Reallohnsenkungen auf die Nachfrage (rezessive Wirkung auf makroökonomischer Ebene)
- Keynes geht von einem gegebenem Geldangebot des Bankensystems aus (Monetaristisch) und schreibt über »Liquiditätspräferenzen«. Dies ist empirisch widerlegt. Flassbeck räumt ein, dass dies jedoch nicht den Kern des Werks betrifft.
Flassbeck würdigt Keynes theoretische Revolution:
Die Bedeutung der Nachfrage und dadurch des gesamtwirtschaftlichen Denkens im Allgemeinen bleibt ebenso erhalten wie die damit verbundene Bewegung des Einkommensniveaus, die erst eine wirklich dynamische Sicht auf die wirtschaftlichen Vorgänge zulässt.
2.8 Mr. Hicks und der Keynesianismus
Dieser Abschnitt arbeitet wesentliche Unterschiede zwischen Neoklassikern und Keynesianern heraus (S. 140-144). Keynesianer wollten das Phänomän anhaltend hoher Arbeitslosigkeit erklären können. Bei ihnen ist Ersparnis abhängig vom Einkommen, nicht vom Zins. Arbeitslosigkeit ist Folge von zu hoher Ersparnis (d. h. niedriger Nachfrage), nicht Folge inflexibler (d. h. zu hoher Löhne). Es gibt eine Nachfragelücke (Ersparnis, die nicht investiert wird), die es bei den Neoklassikern nicht gibt.
Zum IS/LM Modell von Hicks
Es gibt die I-Kurve nur, wenn man unterstellt, dass die Investitionen im Wesentlichen vom Zins abhängen, nicht aber von der Nachfrage selbst. Das IS/LM-Modell schließt diese Möglichkeit von vornherein aus, da sonst eine Ausgestaltung als Gleichgewichtsmodell unmöglich wäre. Dabei dürfte die Abhängigkeit der Investitionen von der Gesamtnachfrage den Kern einer dynamischen Marktwirtschaft ausmachen, um die es Keynes bei der Einführung des Faktors Unsicherheit mutmaßlich ging.
Mit der IS-Kurve verabschieden sich die Keynesianer von Keynes, bzw. dessen wichtiger Einsicht, dass Investitionen abhängig von erwarteter Nachfrage sind.
Die LM-Kurve beschreibt die monetaristische Vorstellung einer gegebenen Geldmenge, bei der der Zinssatz von der Geldnachfrage abhängt. Dies ist offensichtlich falsch.
2.9 Milton Friedman und der Monetarismus
Nach dem Ende der Bretton-Woods Ära hatte der Keynesianismus keine Rezepte. Der Monetarismus stand bereit und hatte mit Friedmann einen hervorragenden Verkäufer. Die uralte irreführende Idee der Quantitätstheorie (basierend auf $$ M \cdot V=P \cdot Y $$) wurde von Schumpeter entzaubert, von den Monetaristen jedoch wiederbelebt und mit kritikimmunisierenden begleitenden Narrativen vermauert. Der Monetarismus sollte die nächsten drei Jahrzehnte dominieren. Der Überbau ist eine Anti-Staats-Ideologie: Ideal ist ein schlanker Staat, der sich raushalten soll.
Flassbeck sieht folgende Fehler:
- flexible Wechselkurse werden befürwortet, deren Spekulationsanfälligkeit mit einem Scheigegenargument weggewischt
- »flexible Einkommenshypothese« liefert scheinbaren Beweis für stabile private Nachfrage ohne Staatseingriffe. Mehrfach gescheitert.
- Konzept der »natürlichen Arbeitslosenquote«
- Die Größen $$\Delta V$$, $$\Delta P$$ und $$\Delta Y$$ sind Unbekannte in der volkswirtschaftlichen Dynamik, die Formel damit praktisch unbrauchbar
- These ist falsch, der Staat könne über Geldmengenerhöhung Inflation erzeugen, und so aus seinen Schulden rauszuwachsen (Gegenevidenz: Japan)
- Geldmengenausweitung ist notwendige jedoch keine hinreichende Bedingung für Inflation
Zitate
Den Ökonomen ist es mit diesem Verstoß gegen einen zentralen Satz der Logik aber gelungen, der großen Mehrheit der Bürger und Politiker weiszumachen, man könne mit der Geldmenge die Inflation jederzeit und zuverlässig kontrollieren.
und
Die Monetaristen verkündeten, dass sich mit dieser Gleichung die Wirtschaft fast ohne Zutun des Staates auf einem stabilen Wachstumspfad halten lasse. Dazu müsse nur die Geldmenge von einer unabhängigen Notenbank stetig gesteuert werden. Die Wirtschaft bliebe auf einem einmal erreichten Wachstumspfad (weil man die Zuwachsrate der Geldmenge nur historisch, also aus einer Extrapolation der vergangenen Wachstumsraten bestimmen kann) und die Gefahr einer Inflation wäre ein für allemal ausgeschaltet, ohne dass der Staat irgendwo steuernd eingreifen müsste.
Laut Flassbeck sind stattdessen die Haupteinflüsse »hohe Nachfrage« und »steigende Kosten« für die Inflation entscheidend. Die Inflationsrate lässt sich mit empirischer Evidenz sehr gut über das Lohnstückkostenwachstum erklären. Dies werde von der herrschenden Lehre ignoriert, weil diese damit ins Wanken geriete. Der flexible und sich selbstregulierenden Arbeitsmarkt sowie die Notenbank als eigenständige Institution mit voller Inflationskontrolle wären als Mythen enttarnt, und die Anti-Staats-Ideologie damit hinfällig.
2.10 Goldstandard und Vollgeld
Der Goldstandard leistete im 19. Jahrhundert durchschnittlich gute Preisstabilität. Flassbeck weist darauf hin, dass die Entwicklung der Realeinkommen entscheidend sind. Steigerung von Produktivität ohne mit Preisen und Löhnen nachzuziehen führt zu einer Benachteiligung der Beschäftigten.
Auch Mythos: Nur Goldstandard verhindert Hyperinflation: Wir erleben Stabilität seit 70 Jahren ohne Goldstandard.
Mit der großen Finanzkrise kamen Vollgeldideen wieder in Mode (ohne dies explizit zu benennen geht es dabei um eine Art »Supermonetarismus« und krankt an einem »Zirkelschluss monetaristischer Geldpolitik« im Zusammenhang mit dem a priori unbestimmbaren »Potenzialwachstum«). Mit vielen Kritikpunkten am Finanzsystem haben die Vollgeldanhänger recht, aber im Kern geht die Idee ins Leere weil sie
den eigentlichen Zusammenhang von realwirtschaftlicher Entwicklung und Geldwesen ignoriert. Kredite aus dem Nichts sind nämlich in einer sich dynamisch entwickelnden Marktwirtschaft absolut unabdingbar.
Wenn nur das an Krediten vergeben wird und vergeben werden darf, was den Banken an Spareinlagen zur Verfügung steht, kann die Wirtschaft insgesamt nicht wachsen.
Spareinlagen sind der Wirtschaft entzogene Nachfrage - wird in dieser Höhe investiert (und damit Nachfrage nach Arbeit und Investitionsgütern erzeugt), dann erreicht man vorheriges Niveau, aber kein Höheres.
Zur Adressierung der oben angedeuteten Kritikpunkte nennt Flassbeck eine Reihe ordnungspolitischer Maßnahmen.
2.11 Inflationserwartungen, die neue Geldmenge
Die Mainstream-Ökonomie hat keine Inflationstheorie, sie kann nicht erklären, warum Preise um 2% oder 10% steigen. Laut Flassbeck sind Arbeitskosten der wesentliche Kostenfaktor aus Sicht der Produzenten, während die Arbeitseinkommen gleichzeitig die binnenwirtschaftliche Kaufkraft bestimmen. Damit können beide Tarifparteien damit leben, wenn Preise und Arbeitseinkommen in gleicher Weise steigen (egal ob nun 2% oder 10%). Aus dem Produktivitätsfortschritt ergibt sich sogar eine Rendite, die gleichermaßen geteilt (Dividende) werden kann, d. h. die Arbeitseinkommen können leicht stärker steigen als die Preise (oder Preise konstant und Arbeitseinkommen leicht steigen).
Wenn Löhne systematisch gedrückt werden, so entstehen langfristig internationale Wettbewerbsvorteile, die durch Aufwertung der Währung wieder neutralisiert werden können. Innerhalb der Eurozone müssen Unternehmen diese Neutralisierung nicht fürchten, was einen Anreiz zum Drücken der Löhne liefert (zusätzlich zu schwachen Gewerkschaften).
Die »Inflationserwartungen als Anker« der EZB sind wirkungslos, sie werden von den Tarifparteien nicht ernst genommen. Flassbeck plädiert für politische Begleitung der Lohnverhandlungen für einen balancierten Dreiklang aus
- Löhnen
- erwarteter Inflation
- erwartetem Produktivitätsfortschritt (den allgemeinen gesamtgesellschaftlichen)
Dabei sollten einmalige Effekte nicht in die Löhne eingepreist werden. Auch kontinuierlich steigende Energiepreise nicht, die dadurch langfristig durch Änderungen des Konsumverhaltens umgangen werden. Der Staat kann in diesen Fällen die unteren Lohngruppen mit Sondermaßnahmen entlasten.
2.12 Trilemma oder Dilemma: Gibt es eine außenwirtschaftliche Absicherung?
Trilemma Diskussion prägte die letzten Jahrzehnte: Man kan nicht Kapitalfreiheit, feste Wechselkurse und eigenständige Geldpolitig gleichzeitig haben. Laut Flassbeck wird auch bei Flexibilisierung der Wechselkurse keine eigenständige Geldpolitik ermöglicht. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Dilemma: Man muss sich zwischen freiem Kapitalverkehr und eigenständiger Geldpolitik entscheiden.
Der Kern des Problems ist nicht der Zufluss des kurzfristigen Spekulationskapitals aus der ganzen Welt, sondern die binnenwirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Geldpolitik. Kein Industrieland könnte mit Realzinsen von 30 Prozent wirtschaftlich überleben, ganz gleich, wie das Wechselkursregime aussieht
Wechselkursänderungen sollten nicht als wirtschaftspolitisches Instrument verstanden werden, sondern als
Wechselkursänderungen sollten die notwendige Begleiterscheinung divergierender Inflationsraten (oder des Wachstums der Lohnstückkosten) sein. Dies ist die einzige Position zu Wechselkursen, die mit dem weit verbreiteten Glauben übereinstimmt, dass Inflation in modernen Volkswirtschaften weder notwendig noch dauerhaft nutzbar sei.
Wechselkursanpassungen im Sinne der Kaufkraftparität führen zu guter Ressourcenallokation. Floating (frei schwankender Wechselkurs) sollte von vornherein ausgeschlossen werden.
2.13 Der Rückschritt der Mikrofundierung
Robert Lucas kritisierte aggregierte Wirtschaftsmodelle (z. B. Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit) mit dem Argument, dass gesteuerte Änderungen die Erwartungen der Subjekte ändern, womit die Modellparameter nicht konstant sind. Modellparameter sollten demnach “mikrofundiert” werden, d. h. ableitbar aus dem mikroökonomischen Kalkül der Subjekte.
Zu der Folgerung, dass der Staat generell kaum agieren könne, ist es dann nicht mehr weit.
In der Mikrofundierung gibt es bspw. keine Verteilungsfrage, weil der repräsentative Haushalt gleichzeitig der Eigentümer des repräsentativen Unternehmens ist. Laut Flassbeck fällt die Mikrofundierung
Doch tatsächlich fallen sie sogar hinter Walras zurück. Dort gab es immerhin einen Markt, auf dem man sich treffen musste, um angemessene Preise zu finden.
und
Da es nur zwei Wirtschaftssubjekte gibt und das eine dem anderen gehört, sind wir zurück in der Robinson-Crusoe-Welt, wo der eine Akteur immer genau weiß, was der andere warum tut.
und
man »löst« ein Problem, indem man seine Lösung voraussetzt. Das ist nicht mehr angreifbare Wissenschaft wie die Neoklassik, sondern gar keine Wissenschaft
2.14 Neue Irrwege des Keynesianismus
Keynesianer versuchen Nachfrage in die Modelle einzubauen, was Flassbeck für einen methodischen Fehler hält
Denn die Nachfrage, die man für ein solches Modell bräuchte, gibt es nicht. Die gesamte Nachfrage einer Volkswirtschaft selbst ist nämlich, wie man das üblicherweise nennt, endogen, mithin das Ergebnis vielfältiger Prozesse und Veränderungen sowie von Politik, die alle zusammen zu einem bestimmten Ergebnis führen, das sich nicht vorhersagen lässt.
Die Varianten keynesianischer Modelle sind damit selbst fehlerbehaftet und angreifbar, was unnötig ist.
Stattdessen genügt es für eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung vollkommen, gezeigt zu haben, dass der von der Neoklassik behauptete Nexus nicht existiert – was zwingend zu der Aussage führt, dass man wirtschaftspolitisches Eingreifen braucht, um eine in einer Schwächephase gefangene Volkswirtschaft zu beleben.
[Hg: Die Neoklassik versucht den Staat klein zu machen]. Flassbeck bringt ein Beispiel aus seinem Berufsleben, wo er kritisiert wurde.
Statt starren Modellen zu vertrauen muss man sich kontinuierlich mit der Entwicklung auseinandersetzen, die logischen Restriktionen sowie empirisch gesicherten Zusammenhänge kennen und beachten.
Keynesianer haben versagt sich von der »neoklassichen Doktrin des Arbeitsmarktes« zu lösen, sondern modifizierten sie lediglich. Ebenfalls haben sie darin versagt das Phänoman der per Saldo sparenden Unternehmen und dessen Konsequenzen zu erkennn:
Wenn man nicht einmal realisiert, dass sich eine der entscheidenden Voraussetzungen für das Funktionieren einer (neoklassischen) Marktwirtschaft in Luft aufgelöst hat, sondern weiter so schwadroniert, als sei alles beim Alten, muss man sich nicht wundern, dass man nirgendwo durchdringt und keinen Fuß auf den neoklassischen Boden bekommt. Gerade diejenigen, die sich Keynesianer nennen, müssten jetzt klar sagen, dass es keinen Keynesianismus mehr geben kann, weil die Idee eines Staats, der temporär einspringt, wenn die Unternehmen als Schuldner und Investoren ausfallen, unter diesen Umständen schlicht nicht mehr existiert.
