Künstliche Dummheit
Harald Welzer in der Zeit No. 34/2019 über Fehlentwicklungen in der (und Fehlvorstellungen über die) smarten neuen Welt
Quelle
| Format | Veröffentlichung | Link |
|---|---|---|
| Artikel | 2019 | https://www.zeit.de/2019/34/digitalisierung-kuenstliche-intelligenz-algorithmen-denken-dummheit |
Wahrgenommen von Heinrichsgeist: 2019. Zitate auf dieser Seite beziehen sich auf diese Quelle, sofern nicht anders gekennzeichnet (Zitationszweck: Anschauliche Hervorhebung ausgewählter Passagen).
Interessant
Digitale Fehlentwicklungen
- smarte Zukunftsvorstellungen werden “aseptisch” imaginiert, ohne Armut und Graffitti, das ist naiv
- Software Algorithmen werden fehlgebraucht, um technische Mängel auszugleichen oder zu kaschieren. Beispiele: Dieselskandal (Prüfstandserkennungs-Algorithmen im unzureichenden Abgasreinigungssystem) und Abstürze zweier Boeing 737 Max, die mit einem digitalen Korrektursystem ausgestattet waren
das Flugzeug ist einfach falsch konstruiert
- Smart Citys sind im Krisenfall nicht resilient, sondern verletzlich. Sie sind abhängig von Software, die versagen kann. Mit fortschreitendem Klimawandel werden Extremwetterereignisse häufiger (nebenbei: Der digitale Rechenbetrieb verbraucht sehr viel Energie)
- Automobiler Individualverkehr ist etwas “Gestriges”, er hat sehr viele schädliche Wirkungen. Mit einer Umstellung auf smarte Elektrofahrzeuge bekommt man etwas “optimiert Gestriges”
- Mit dem Aufbau einer 5G Infrastruktur mit chinesischen Komponenten geht ein Angriffsrisiko einher
- Überwachungsmechanismen als Risiko für die Demokratie
Wenn auch ansonsten allerorts nach der Devise «Digitalisierung first, Nachdenken second» gehandelt wird, muss die Absenz einer öffentlichen Aufmerksamkeit, geschweige denn einer Debatte doch irritieren. Wenn man sich etwa kurz in Erinnerung ruft, das zentrale Bedingungen der Demokratie Privatheit und informationelle Selbstbestimmung sind, wie soll die ubiquitäre Überwachung, die sich neuerdings Umgebungsintelligenz nennt, dazu passen? Wo liegt die Begründung dafür, dass unterschiedslos alle Bürgerinnen und Bürger Objekte von permanenter Registrierung all ihrer Lebensäußerungen werden sollen [..]?
- Große Digitalkonzerne akkumulieren eine demokratisch schwer kontrollierbare Macht
- Digitalisierung duchdringt gerade sehr viele Lebensbereiche der Menschen - und das wenig gesteuert (Welzer nennt die DSGVO als eine lobenswerte Ausnahme)
Welzers Schlussfolgerung
Es ist
jetzt mal an der Zeit, die Dinge politisch zu sortieren, und zwar nach der Maßgabe der Frage, was von den zweifellos hervorragenden Möglichkeiten dieser Technologie für das zivilisatorische Projekt nützlich ist und was nicht
Als Chancenbeispiele nennt Welzer die Orchestrierung des öffentlichen Verkehrs und die Abschaffung “doofer” Arbeit mit einhergehender Aufwertung von Empathieberufen.
Sich von Algorithmen vorschreiben zu lassen, wie man leben soll, ist der Wiedereintritt des Menschen in die selbst verschuldete Unmündigkeit. Man könnte auch sagen: in künstliche Dummheit. Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe.
